Im Mittelpunkt der 3. Projektwerkstatt des ExWoSt-Forschungsfeldes Stadtumbau
West stand das Thema "Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
in Stadtumbau-Prozessen". Angesichts fehlender systematischer Aufbereitung
von Erfahrungen zum Thema wurden Anregungen aus der am Forschungsfeld
teilnehmenden Pilotstadt Bremen und aus der Stadt Leipzig als Beispiel
des Stadtumbau Ost vorgestellt. Aufbauend auf diesen Anregungen wurden
in Kleingruppen Aspekte denkbarer Kampagnen in Stadtumbau-Prozessen erarbeitet
und diskutiert.
Die Diskussionen gingen von dem Verständnis aus, dass es sich
bei der Öffentlichkeitsarbeit in Stadtumbau-Prozessen um das Management
von Informations- und Kommunikationsprozessen innerhalb einer Kommune
und zwischen der Kommune und ihrem Umfeld (Organisationen und Bürger)
in Bezug auf den Stadtumbau handelt. Als Bürgerbeteiligung wurde
die Teilhabe und Mitbestimmung der Bürger an Verwaltungsentscheidungen
und politischen Prozessen definiert.
Warum ist Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit in Stadtumbau-Prozessen
notwendig?
Die Beteiligten an den Umbauprozessen in den Pilotstädten von Stadtumbau
West formulierten schon früh die hohe Bedeutung von Öffentlichkeits-
und Beteiligungsarbeit für den Erfolg des Gesamtprozesses. Die
Bedeutung dieser Thematik hat im Verlauf der Prozesse mancherorts noch
zugenommen, weil die Erkenntnis reifte, dass manche Problemstellungen
z.B. bei der Vorbereitung des Abrisses ausgewählter Wohnimmobilien
durch eine systematische Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
hätten aufgefangen werden können. Aber auch das Schüren
(zu) hoher Erwartungen in der Bevölkerung durch eine systematische
Öffentlichkeitsarbeit kann Probleme bereiten, wenn sich die Erfolge
nicht schnell genug einstellen und enttäuschte Erwartungen zu erhöhter
Resignation bei den Akteuren vor Ort führen. Eine Einschätzung
zur Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit in den Pilotstädten
gibt Martin Karsten (Forschungsagentur Stadtumbau West) im ersten Teil
seines Vortrags (Link zur Präsentation).
Demnach hat die hohe Bedeutung einer systematischen Öffentlichkeits-
und Beteiligungsarbeit in Stadtumbau-Prozessen verschiedene Hintergründe.
Neue Herausforderungen: Die Stadtumbau-Bedarfe in der
Mehrheit der Pilotstädte von Stadtumbau West verteilen sich räumlich
über die Gesamtstadt und berühren nahezu alle Politikfelder.
Dieser komplexen Problemlage muss sich die Öffentlichkeits- und
Beteiligungsarbeit stellen. Dabei besteht die besondere Herausforderung
in vielen Stadtumbau-Kommunen darin, bei einer resignativen Grundstimmung
der Bürgerschaft die städtischen Schrumpfungsprozesse als
Qualitätsgewinn zu kommunizieren. Dies wiederum kann nur gelingen
durch neue Formen des Engagements privater Akteure, das durch die Beteiligungsarbeit
erreicht werden soll. Private Akteure für ein Engagement zu motivieren,
bei dem zu Beginn noch nicht zu erkennen ist, ob dabei überhaupt
jemand gewinnen kann, stellt eine besondere Schwierigkeit dar.
Kaum Vorbilder: Bislang gibt es kaum Beispiele einer systematischen
Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit in Stadtumbau-Prozessen.
Jedoch konnten für die Projektwerkstatt zwei Personen gefunden
werden, die von ersten Erfahrungen zu der Thematik berichten konnten:
"Lernen von Leipzig"
Stefan Heinig, amt. Abteilungsleiter Stadtentwicklung im Stadtplanungsamt
der Stadt Leipzig, reflektierte die Erfahrungen der Stadt Leipzig mit
Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit im gesamtstädtischen
und im Stadtteilumbau. Leipzig hatte alleine zwischen 1989 und 1998
einen Verlust von ca. 100.000 Einwohnern zu verkraften und wies in der
Folge im Jahr 2000 einen Leerstand von 63.000 Wohnungen auf, davon 52.000
Wohnungen in Altbauten. Im Rückblick auf die Erfahrungen in Leipzig
kann gefolgert werden, dass eine erfolgreiche Strategie alle Problemlagen
der Schrumpfung aufgreifen muss und die Potenziale des Stadtumbaus "erlebbar"
zu machen hat (Link zur Präsentation
/3MB).
"Lernen von Bremen Osterholz-Tenever"
Hans-Dietmar Sartoris, Abteilungsleiter der GEWOBA Bauen und Wohnen
in Bremen, stellt die Imagekampagne für den Stadtumbau West-Pilotstadtteil
Osterholz-Tenever in Bremen vor.
Osterholz-Tenever steht beispielhaft für eine Großsiedlung
mit Wohnhochhäusern aus den 1970er Jahren, die wegen nachlassender
Wohnraumnachfrage und zunehmender baulicher Mängel hohe Wohnungsleerstände
aufweist. Ein Erfolg der Abriss- und Aufwertungsstrategie für diesen
Ortsteil hängt eng mit der Verbesserung seines Images zusammen.
Vor diesem Hintergrund wurde eine systematische Imagekampagne im Frühjahr
2004 parallel zu den ersten baulichen Maßnahmen gestartet (Link
zur Präsentation /5MB).
Ein Fragenkatalog zur Systematisierung von Öffentlichkeits-
und Beteiligungsarbeit im Stadtumbauprozess
Die Beispiele aus Leipzig und Bremen Osterholz-Tenever zeigen, dass
eine systematische Konzeption von Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
gerade in Stadtumbau-Prozessen hilfreich sein kann. Im zweiten Teil
seines Vortrags unternimmt Martin Karsten (Forschungsagentur Stadtumbau
West) den Versuch, ein beispielhaftes Vorgehen für eine Stadtumbau-Kampagne
darzustellen (Link zur Präsentation
/2MB).
Die im Folgenden aufgelisteten Fragen können Städten helfen,
ihre Arbeit mit System zu konzipieren und zu reflektieren:
Wo liegen die Kernprobleme des Stadtumbaus?
Welche Ziele sollen die Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
erreichen?
Welche Zielgruppen sollen erreicht werden?
Sind mehrere Phasen zu unterscheiden?
Wie sieht/sehen die zentrale(n) Botschaft(en) aus?
Welche Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit sollen eingesetzt
werden?
Wie soll die Bürgerbeteiligung aussehen?
Wie wird der Erfolg kontrolliert?
Aus den Diskussionen in den drei Arbeitgruppen "Unsere Stadt schrumpft!",
"Unsere Stadt wird international!" und "Unsere Stadt
altert!" lassen sich folgende Aspekte zusammentragen:
Wo liegen die Kernprobleme des Stadtumbaus?
Die Frage nach den Kernproblemen des Stadtumbaus trägt der Notwendigkeit
Rechnung, eine Reduktion von inhaltlichen Botschaften vorzunehmen, wie
sie von Kommunikationsexperten gefordert wird. Im Kontext des Stadtumbaus
stellt sich dieser Anspruch aber als kaum umsetzbar heraus: Komplexe
Wirkungszusammenhänge führen zu den vielgestaltigen Stadtumbau-Bedarfen
in den Städten und diese Komplexität muss auch vermittelt
werden, um integrierten Stadtentwicklungsansätzen zum Erfolg zu
verhelfen. Unumstritten ist also, dass der Versuch unternommen werden
muss, alle Facetten des Stadtumbaus in die Öffentlichkeits- und
Beteiligungsarbeit zu integrieren.
Allerdings muss in vielen westdeutschen Städten noch eine fehlende
Sensibilisierung für Rückentwicklungsprozesse bzw. Auswirkungen
des demographischen Wandels festgestellt werden. Ob einer solchen zurückhaltenden
Realitätswahrnehmung bei lokalen Entscheidungsträgern im Rahmen
der Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit offensiv begegnet werden
soll, wird von den Beteiligten aus den Pilotstädten im ExWoSt-Forschungsfeld
kontrovers diskutiert.
Welche Ziele soll die Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
erreichen?
Am Anfang der Stadtumbau-Prozesse steht die Information aller Akteure
über die teilweise schmerzlichen Entwicklungsprozesse in den Stadtumbau-Städten.
Nur eine transparente und kompetente Informationspolitik wird zur Aktivierung
von Institutionen und Bürgern für eine Zusammenarbeit beitragen.
Hohes Engagement privater Akteure einzufordern und dabei gleichzeitig
nicht unerfüllbare Erwartungen zu provozieren, kennzeichnet den
schmalen Pfad zu einer erfolgreichen Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
in einem Stadtumbau-Prozess.
Welche Zielgruppen sollen erreicht werden?
Zielgruppen unterscheiden sich je nach Konzeption des lokalen Prozesses
und je nach einzelnem Stadtumbau-Projekt. In vielen Fällen stehen
die Stadtumbau-Städte vor einem schwierigen inhaltlichen Spagat:
Den zu aktivierenden Akteuren in der Stadt müssen auch kleine Erfolge
als große Schritte kommuniziert werden, um sie für weiteres
Engagement zu motivieren. Potenziellen Fördermittelgebern in Bund
und Land ist demgegenüber die anhaltende Bedürftigkeit darzulegen.
Diesen entgegengesetzten Kommunikationsanforderungen können die
Städte gleichzeitig kaum gerecht werden.
Sind mehrere Phasen zu unterscheiden?
Eine systematische Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit von
Stadtumbau-Prozessen in mehrere aufeinander folgende Zeitphasen zu unterscheiden,
wird durchweg als sinnvoll erachtet. In der Regel werden folgende Phasen
vorliegen:
- Phase 1: Sensibilisierung und Information
- Phase 2: Aktivierung und Kooperation
- Phase 3: Erfolge kommunizieren
Wie sieht/sehen die zentrale(n) Botschaft(en) aus?
Die Beiträge der Aktiven aus den Stadtumbau West-Pilotstädten
haben gezeigt, dass der auf hohes Engagement privater Akteure angewiesene
Stadtumbau-Prozess die Chancen des Stadtumbaus zur zentral kommunizierenden
Botschaft machen muss. Die stadtentwicklungspolitische Chance und der
Nutzen für jeden einzelnen Aktiven sollte bei allen Bausteinen
einer Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit Berücksichtigung
finden. Einzelne Ideen der Teilnehmer für griffige Botschaften
waren z.B.:
"Völklingen macht sich auf die Socken" als Botschaft
des Stadtumbau West-Prozesses in der Pilotstadt Völklingen;
"Mehr Qualität mit weniger finanziellen Mitteln" für
einen Stadtumbau-Prozess, der offensiv mit der prekären Haushaltslage
der Kommune umgeht;
"Stadtumbau tut weh - und eröffnet politische Chancen"
für einen Prozess, der offensiv für die konstruktive Akzeptanz
von Schrumpfungsprozessen wirbt;
"Bunt ist schön" für ein durch hohen Migrantenanteil
geprägtes Quartier;
"Hier kannst du alt werden" für einen durch Alterung
charakterisierten Stadtteil.
Welche Instrumente der Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
sollen eingesetzt werden?
Über die bewährten Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit
(Pressearbeit, Broschüren, Flyer, Internet, Event, Stadtumbaubüro)
und Beteiligung (Zukunftswerkstatt, Lenkungsgruppen, Foren, Themen-
und Projektgruppen) hinaus konzentrierte sich die Diskussion darauf,
mit welchen Instrumenten die Sensibilisierung für Schrumpfungsprozesse
in den Stadtumbau-Städten befördert werden kann. Neben der
persönlichen Ansprache von Entscheidungsträgern und der Umwerbung
wichtiger Mitstreiter wurde der Wissenstransfer durch Exkursionen in
andere Stadtumbau-Städte oder die Einladung Verantwortlicher anderer
betroffener Städte als erfolgversprechender Weg zur Sensibilisierung
gewertet. Darüber hinaus erscheint auch die Erarbeitung eines "Nichts-Tun-Szenarios"
als sinnvoll, um die Bedeutung des Themas in Politik, Verwaltung und
lokaler Presse zu erhöhen. Ein politischer Ausschuss "Stadtumbau"
oder eine Sondersitzung des Stadtrates zur demographischen Entwicklung
sind ebenfalls als Instrumente zu werten, die die Wahrnehmung der Problemlage
und die Notwendigkeit frühzeitiger Lösungssuche nachhaltig
steigern dürften.
Wie soll die Akteursbeteiligung aussehen?
Neben klassischen Instrumenten der Öffentlichkeits- (Pressearbeit,
Flyer, Zukunftswerkstätten, Events usw.) und Beteiligungsarbeit
(Lenkungsgruppen, Foren, Themen- u. Projektgruppen) wurden auch weitere
Aspekte einer Stadtumbau-Kampagne herausgearbeitet. So erscheint es
wichtig, die Akteure persönlich anzusprechen und eine zielgruppenorientierte
Sprache zu pflegen. Auch sollten die Zuständigkeiten und die Einzelaspekte
des Stadtumbaus klar geregelt und nach außen transparent sein.
Neben der Verwaltungsspitze sollte auch die Politik und Verwaltung den
Prozess unterstützen.
Wie soll der Erfolg kontrolliert werden?
Hinsichtlich der Erfolgskontrolle der Öffentlichkeits- und Beteiligungsarbeit
herrscht Einigkeit, dass diese wichtig sei und in der Praxis oftmals
vernachlässigt würde. Eine Erfolgskontrolle sei abhängig
von einer klaren Zielsetzung, aus der wiederum messbare Kriterien ableitbar
sein müssen.
Oldenburg, 10.05.04
Katja Baumann
Martin Karsten
Antje Rohlfs
Christina Stellfeldt-Koch


|